Tanzen ohne Alter –  Eileen Kramer und Madame Pool

Jahreswechsel 2017/2018 und alle sitzen vor dem Fondue, stoßen an, aber bitte nur mit hochwertigem Sprudelzeug. Es werden Millionen von Euro für Feuerwerkskörper in die Luft geballert und die Tiere drehen durch, zur gleichen Zeit sterben unzählige Menschen den Hungerstod.

Nun ja, ich schweife ab, auch viel zu naiv und sentimental diese Betrachtung. Da mache ich mir es schon zu einfach, sagen meine Kinder. Nach wochenlangem Weihnachts-Gefeiere mit Allem was dazugehört, soll ich mal ganz still sein.

Aber mir wird’s gerade, wie den Kids zu viel, nicht nur wegen der üppigen Fonduesoßen.

Ich gehe mit ihnen also lieber in den angesagtesten Club der Stadt. Zugegeben, ich bin da die Techno-Omi, aber das bin ich schon gewöhnt. Bitte lasst mich Musik hören und mich bewegen. Lasst mich austoben und „antoben“ gegen all die gesellschaftlichen Standards, die ich ja auch brauche, aber, der kleine Hippie ist auch mit 60 noch tief in mir verwurzelt und schreit nach Verwirklichung.

Es ist im Club stockdunkel und meine Tochter muss mich wie eine Greisin zur Toilette bringen – zumindest am Anfang. Beleuchtete Stufen gibt’s hier nicht. Einteilung Männlein / Weiblein gibt’s im WC auch nicht. Hier wird kein Ausweis vorgezeigt, sondern das Handy, und es wird akribisch abgeklebt -> jegliche Fotoaufnahmen verboten. So Inkognito! Welch Luxus für meinen zu erwartenden Spaß. Man raucht, egal wo. Ist ja wie früher! Ich fühle mich heimelig und die Elektromusik ist unglaublich, fantastisch laut – ein Traum!

Auch 10:00 vormittags Neujahr stört es hier niemanden, dass es draußen schon hell ist und ich genieße es den nächsten unnötigen Ritualen à la Weißwurst, Fisch, blabla – zu entkommen und feiere mit den unglaublich toleranten, höflichen und friedlichen jungen Leuten bis zum nächsten Mittag.

Und warum erzähle ich Euch das hier?

Weil ich auf zerbrochenen Flaschen und Gläsern, zwischen halbentkleideten Genussmenschen – wie in einer anderen Welt – tanze, tanze, als würde es ums Überleben gehen. Der Bass peitscht meine gesamte angepasste Alltagsleier aus meinem Körper. Die Beats lüften meinen kontrollierten Kopf und ich spüre mich. Egal zu welcher Musik – Welt, nimm es zur Kenntnis – Tanzen ist die Befreiung von Körper und Seele. Schon die Urmenschen haben gewusst, wie sie  die Trommel und die körperliche Befreiung für sich nützen können.

Und weil ich auch mal eine Pause im Backstage-Bereich brauche, tauchen sie auf – die Namen: Eileen Kramer und Madame Poole. Eigentlich noch viele mehr, die hier zu erwähnen wären. Aber sie sind  momentan die wichtigsten Stellvertreterinnen der unbeirrbaren Erkenntnis: Tanzen hat kein Alter – Tanzen braucht der Mensch, wie die Luft zum Atmen.

Da kommen mir doch die zwei Namen, und alles was ich mir über sie erlesen habe, gerade recht.

Eileen Kramer

ist nicht nur Tänzerin, Choreografin, Autorin, Kostümdesignerin und Malerin. Die 102-Jährige ist auch das Gesicht des Arts Health Institute in Sydney. Das Institut engagiert sich dafür, älteren Menschen durch Kunst, Musik und Tanz mehr Lebensqualität und Freude zu geben. Kramer selbst trat noch als 100-Jährige im Belvoir-Theater in Sydney auf, wo sie in der Produktion des „Zauberer von Oz“ mitspielte.

102 Jahre – ein stattliches Alter, würden die einen sagen. Ein Alter, in dem man im Alters- oder gar im Pflegeheim ist, die anderen. Alles Quatsch, sagt Eileen Kramer. Die Australierin bricht mit allen Klischees und Stereotypen, die das Älterwerden umranken. Das Wort “alt” nehme sie selbst nie in den Mund, sagte sie einmal. Stattdessen sage Kramer eben, sie sei schon seit Langem auf der Erde. “Wenn man kreative Arbeit macht, ist man absolut zeitlos. In der Kreativität gibt es kein Alter.” Dass sie nicht tot sei, liege ganz einfach daran, dass “ich mich entschieden habe, es nicht zu sein”. Immer wieder wird sie danach gefragt, wie sie sich so fit hält. Ihre Antwort: „Schaffe dir immer selbst eine Gelegenheit, oder nimm eine Gelegenheit wahr“, sagte sie kürzlich in einem Forum zum Thema Älterwerden. Und genau das macht Kramer. Mit 102 tritt sie noch regelmäßig auf und arbeitet momentan an einem Ballett, das im November auf die Bühne kommen soll.  Kramers Begeisterung für Tanz begann im Alter von 24 Jahren. „Es war der Start des Walzers „An der schönen, blauen Donau“, sagte sie. Ab diesem Zeitpunkt sei sie dem Tanz verfallen gewesen. Später lernte sie bei der österreichischen Tänzerin Gertrud Bodenwieser, die als Wegbereiterin des Ausdrucktanzes gilt und 1938 vor den Nationalsozialisten über Kolumbien nach Australien floh. Die jüdische Österreicherin eröffnete in Sydney eine Schule und ein Tanztheater, Eileen Kramer ging mit dem Bodenwieser Ballet mehr als zehn Jahre auf Tournee. Nach dem Tod Bodenwiesers im Jahr 1959 reiste Kramer durch Indien, Pakistan, Afrika und Europa. Mehrere Jahrzehnte lebte und arbeitete sie in den USA.

Solange sie körperlich dazu in der Lage ist, wolle sie weiter tanzen, sagt Kramer. Ein Leben ohne Bewegung sei ohnehin nicht vorstellbar. “Tanz stärkt mich, körperlich und psychologisch.” Im November wolle sie auf jeden Fall auf der Bühne stehen. Notfalls auch mit einem Gehstock. “Ich plane aber, normal zu gehen, denn außer meinem Gleichgewicht ist nichts verkehrt mit mir.” Sollte sie wirklich einen Gehstock benötigen, werde sie einfach ihren Tanzpartner bitten, auch einen zu nehmen.

 

Madame Pool – Suzelle Poole

Poole begann ihre Tanzkarriere im Alter von sieben Jahren und begann bald professionell mit renommierten Künstlern in Oper, Ballett und einem preisgekrönten Film zu tanzen. “Ich erreichte meine ersten professionellen Leistung als ich 10 Jahre alt war in Montreal, Kanada, und es ging in Toronto erfolgreich weiter. Poole ist eine professionelle Ballettsolistin und Lehrerin für klassisches Ballett in Städten auf der ganzen Welt, einschließlich Toronto, London und Kapstadt, Südafrika. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass du nie zu alt zum Tanzen bist. Jetzt, im Alter von 76 Jahren, arbeitet Poole weiterhin und tanzt seit 2003 für die Royale Ballet Dance Academy mit Sitz in Dallas. Sie trotzt den Traditionen der Tanzwelt. “Ich habe immer mit meinem Tanz Schritt gehalten. Sie ist seit sieben Jahrzehnten eine erfolgreiche Ballerina. In den Interviews sagt sie “Es ist so ein schönes Gefühl, die Musik, die du fühlst, als ob du ein Teil davon bist. Tanzen macht Freude.” Und wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, über die Bühne zu schweben, teilt Poole ihre Liebe zum Ballett mit Erwachsenen und Kindern in vier Tanzstudios in Nordtexas. Sie unterrichtet weiters in Lift Dance and Fitness. “Tanzen baut etwas sehr großes in einem Kind auf, und es lernt, es zu lieben. Ich denke, dass alle Kinder tanzen sollten – Jungen und Mädchen – Tanzen ab zwei Jahren müsste für Kinder Pflicht sein!“ Mit Ballett in ihrer Seele plant Madame Poole noch immer nicht, ihre Tanzschuhe aufzuhängen.

Warum auch, überlege ich…und will schon nicht mehr überlegen, denn mein Lieblings DJ legt auf und treibt mich in die pulsierende Menge. Denken können wir später – wenn der Körper uns Grenzen setzt – fühlen musst du im Hier und Jetzt. Nimm dir nicht, durch Schwellenangst oder angepasster Konvention, den wunderbaren Moment, den dir die Musik schenkt. Erfahre deine körperlichen Momente in jedem Alter deines Seins – egal welche Musikrichtung dich berührt. Der Drang nach Ausdruck altert nicht. Tanze auch ohne Spiegel – das Glücksgefühl braucht nicht immer Anleitung und  Kurse. Freue dich aber auch über deinen bewegten Körper im Gegenüber und lass dich zum ästhetischen Genuss weiterbilden. Der Spiegel zeigt dir die Schönheit deines Körpers und deiner Gefühle und deinen Fortschritt, Empfindungen auszudrücken. Tanzen ist eine Kunst für den Augenblick, eine vergängliche Kunst. Tanz auf Videos festzuhalten dokumentiert nur die Geschicklichkeit und Schulung deines Körpers. Deinen Moment der Glückseligkeit festzuhalten trägst Du aber nur im Herzen.

Jetzt tun mir die hohen Schuhe doch unendlich weh und der Kopf brummt nach 7 Stunden Spaß ohne Ende. Ich steige ins Taxi und kehre zurück in meine eingespielte Welt, die ich natürlich auch nicht missen möchte und gehe dem Kampf gegen alle Ressentiments und eiserner Engstirnigkeit mit neuer Gelassenheit 218 entgegen. Jetzt ein Fußbad und aufgeregtes Erwarten auf das nächste Aufbäumen gegen alle Klischees.