Leben vom Tanzen? Leben mit Tanzen!

Ich widme diese Gedanken allen da draußen, die ihrem Brennen nachgegeben haben und der Kunst treu geblieben sind, ohne in Selbstdarstellung und Narzissmus zu stagnieren. Ich danke Euch, Ihr, die Ihr Tag für Tag vor dem Spiegel, der Euch nicht schont, kämpft und träumt. Ihr verzichtet, um weiter zu tanzen und tragt bescheiden den Traum an kleine und große Eleven weiter. Wenn Du dein Können, dein Brennen, auf Augenhöhe mit den Dir Anvertrauten teilst, dann hast Du alles richtig gemacht.

 

  • Ausbildung —  Dein Körper ist das Werkzeug
  • Bühne — Deine Träume werden wahr
  • Pädagogik —  Du gibst Deine Leidenschaft weiter

 

Ausbildung

Je nach Tanzform und Tanzberuf ist eine unterschiedliche Ausbildung erforderlich. Es gibt renommierte staatliche und private Hochschulen für klassischen und zeitgenössischen Tanz für Tänzer, Choreographen und Pädagogen, Ausbildungen zum Turniertänzer bzw. Tanzsporttrainer oder zum Tanzpädagogen. Tanzlehrer können zusätzlich eine Ausbildung beim Tanzlehrerverband machen. Musikalität und Rhythmusgefühl braucht ein Tänzer natürlich immer. Wichtig ist es beim Tanz weiterhin, früh anzufangen und sich von Anfang an sehr für den Tanz zu engagieren, um überhaupt körperlich und von der Ausdrucksfähigkeit her Chancen zu haben. Später muss man weiter sehr ehrgeizig sein und bereit, Opfer z.B. in Hinblick auf Mobilität und Familie für die Tätigkeit als Tänzer zu bringen. Denn die Konkurrenz ist hier besonders hart, der Erfolg aber auch besonders beflügelnd.

Gott sei Dank gibt es viele Möglichkeiten zum Tänzer zu werden. Der zeitgenössische Tanz, mit all seinen wunderbaren Facetten, bietet auch andere Wege zum Erfolg. Viele Jugendliche entdecken entdecken die Leidenschaft erst später und besuchen erst Hobbykurse, dann Profikurse, und erleben den Genuss der Bewegung zur Musik stärker und stärker. Die unglaubliche körperliche Anstrengung bleibt natürlich, egal in welcher Stilrichtung das Interesse geweckt wurde.

Das Werkzeug um mit dem Körper zu träumen ist hartes Training. Doch die Freude auf der Bühne und im Tanzsaal ist mit nichts zu vergleichen.

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Berufsbeschreibung

Tänzer/ Tänzerin sind Menschen, die meist beruflich tanzen. Hier gibt es viele Berufe, die man als Tänzer ausüben kann: Turniertänzer tanzen klassische Standardtänze, Bauchtänzer sind die Attraktion bei privaten Festen, Balletttänzer arbeiten in Kompanien und moderne Tänzer treten im Tanztheater auf. Man kann aber auch als Tanzlehrer, Tanztherapeut oder Choreograph beruflich im Bereich Tanz tätig sein.

Tänzer / Tänzerinnen haben immer einen sehr schweißtreibenden, körperlich fordernden Beruf, der ihnen viel Disziplin abverlangt. Fitness und die Bereitschaft, intensiv am eigenen Körper und der eigenen Beweglichkeit zu arbeiten, sind daher unabdingbare Voraussetzungen. Aber auch Leidenschaft ist wichtig für die Arbeit als Tänzer, da man sehr viel Energie und Zeit für meist relativ wenig Geld investieren muss –

Wie bei allen künstlerischen Berufen ist der Applaus der eigentliche Lohn der Tänzer.

Man ist meist selbstständig tätig und wird immer wieder für einzelne Auftritte bzw. Kurse etc. gebucht oder eröffnet eine eigene Tanzschule, so wie ich es getan habe. Oft haben Tänzer mehrere berufliche Standbeine, um geringe Gagen und unsichere Auftragslagen auszugleichen. Es gibt aber auch feste Engagements bei einem Theater oder in einem Ensemble als klassische Anstellung für mehrere Jahre. Tänzer können heute meist nur bis Mitte 30 selbst auf der Bühne stehen, so dass man immer einen Plan für die zweite Phase des Berufslebens braucht.

Mein Kind wird Tänzerin

Viele kleine Mädchen träumen davon Ballerina zu werden. Zunächst ein Hobby, ein Spaß und Zeitvertreib. Das tägliche Brot, wie Schmerzen, Disziplin und Unterordnung in der Gruppe, trennen schnell die Spreu vom Weizen. Zumindest wenn Du Dich dem klassischen Ballett verschrieben hast.
Immer wieder wird die typische „Eislaufmutter“ beschrieben, die ihr Kind drängt und ehrgeizig fordert, obwohl die Tochter oder der Sohn keine wirklich Begeisterung zeigt. Ich möchte hier einige Klischees abschwächen, die ich selbst als Ballett-Mutter oft zu hören bekam. Meine hochbegabte Tochter hat absolut eigenständig diesen schweren Weg zur Balletttänzerin eingeschlagen. Sie hat ihr Talent selbst erkannt, die Professoren haben zweimal im Jahr das Stipendium verlängert, wir waren stolz.
Ja, so einfach ist das natürlich nicht. Der Einfluss der Eltern ist viel subtiler. Bis zur Pubertät werden die Werte und Wünsche der Kinder sehr stark von Erziehung und Leistungsdenken geprägt, das Kind kann sich gegen diese indirekten Forderungen nicht immer wehren. Schnell kommt aber eine Entwicklungsphase, in der es geradezu wichtig ist sich den Eltern gegenüber aufzulehnen und zu rebellieren. Jeden Tag aufstehen, auch Sonntags, wenn alle ausschlafen, und in den Ballettsaal gehen- keine Freizeit nach der Schule -und dieser immer müde Körper…Nur ein Mensch, der für den Tanz brennt, und seine Seele und seinen Geist der Musik verschrieben hat, macht das bis zum Ballettdiplom mit 18 Jahren weiter. Wie oft saßen mein Mann und ich in der Elternstunde vor den Prüfungen beim letzten Training-wie oft kam uns das magere Kind mit weißer Oberlippe, glühenden Backen und zitternden Beinen entgegen und es war eines klar: das macht sie nicht für uns. Sie bräuchte nur einmal das Bein ein bisschen weniger hochzuheben und das nächste Semester wäre verloren und sie könnte am Nachmittag mit den Freundinnen Shoppen gehen. Nein die Leidenschaft, wenn die Musik beginnt, konnte ihr niemand mehr nehmen. Bis zum Abschluss Schmerzen, viele Frustrationen und vor allem ständig hungern um leicht für die Hebungen zu bleiben-und dann die großen Auftritte in der Oper, der Applaus und die Befriedigung. Das Erfolgserlebnis bleibt unbeschreiblich.

Weil ein Tänzer es unbedingt will, sind Eltern stolz!

Das Klischee muss von Mal zu Mal genau analysiert werden. Zu schnell scheinen mir oft diese Urteile.

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Die Bühne

Viele der Tanzpädagogen, die Woche für Woche mit den Schülern unserer Tanzschule arbeiten, wollten nie auf die Bühne. Andere wieder, haben schon eine erfolgreiche Karriere
hinter sich oder performen gleichzeitig neben der Unterrichtstätigkeit in verschiedenen Ensembles oder als Solisten. Es sind die aufregenden Events in Konzerthäusern oder die Hauptrolle in einem Film, die das Herz höher schlagen lassen, aber die Bühne bedeutet oft auch: eine Firmenfeier, ein Straßenfest, ein Battle oder ein kleines Video. Ja, nun kommt man schon ins Grübeln-der Tänzer muss auch Geld verdienen-er muss von etwas leben. Meine große Bewunderung gehört nun diesen Tänzern in allen Stilrichtungen, die immer mit dem gleichen Enthusiasmus ihre Zuschauer begeistern. Ich kenne in der langen Zeit, in der ich so intensiv mit Tänzern arbeite, kaum einen der in seinen Starallüren stagnierte. Das Tanzen selbst ist der Lohn unserer Arbeit. Es zählt nicht die Gage, wenn wir unseren Gefühlen mit dem Körper Ausdruck verleihen. Nicht die Bühne kann das Ziel sein-der Tanz selbst ist das Ziel. Der kurze Augenblick, oft nur wenige Minuten, sollen das große Glück sein? Ja, genau so ist es.
Die Faszination Tanz bleibt, egal auf welcher Bühne, in den Tänzerherzen erhalten, und die interessierten Zuschauer geben uns Mut und Kraft für unsere Arbeit. Der Auftritt ist der Lohn für die Mühe.
Auch deshalb sind die jährlichen Shows und Aufführungen unserer Tanzschule so wichtig. Der kurze Moment auf der beleuchteten Bühne, die raschelnden Kostüme und der Duft der Schminke sind die Belohnung für das regelmäßige Training mit der Gruppe. Nur wage können Videos und Fotos dieses Erlebnis festhalten. Dieser Triumpf gehört jedem ganz allein in seinem Herzen. Jeder Schüler der Tanzschule muss unbedingt auch diese Seite des Tänzerlebens erfahren und kennenlernen. Welch unglaublicher Gewinn diese Auftritte für das Selbstbewusstsein und den Entwicklungsfortschritt gerade bei Kindern sind, werden alle Angehörigen sofort bestätigen.

Die Aufgabe der Pädagogen ist es nun jeden einzelnen Tag im Tanzunterricht den Trainingssaal zur Bühne zu machen.

Jede Bewegung im Raum ist ein bedeutendes Schauspiel.

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Das täglich Brot

Wollt Ihr viel Geld verdienen und bei wichtigen Trainingsterminen schulfrei haben-dann müsst Ihr in den Fußball-Club. In Deutschland wird die Tanzbegabung immer noch zu wenig gefördert und das Kultusministerium unterstützt die Eleven rein gar nicht. Menschen, wie Frau Constanze Vernon, haben wir es zu verdanken, dass durch eine Stiftung endlich Stipendien bewilligt wurden und ein Hochschulabschluss möglich ist. Ein Fußball -Gymnasium dagegen ist in unserer Gesellschaft dagegen eine Selbstverständlichkeit und wird enorm gesponsert.
In einer Tanzschule bekommt ein Pädagoge im Schnitt 30,-Euro für 60 Minuten Unterricht. Ich war 10 Jahre lang verbeamteter Lehrer an Münchner Grundschulen von Klasse eins bis neun. Ich denke nicht, dass ich so viel pro Stunde verdient habe. Doch –Achtung!-jetzt überlegt mal, wie ihr nach 60 Minuten Sport nach Hause geht, duscht und die körperliche Belastung nachwirkt. Jetzt stellt euch vor Stunde für Stunde den ganzen Tag am Spiegel zu trainieren und nebenbei immer noch zu korrigieren , zu sprechen, und zu motivieren. Dazwischen liegen keine Pause, sondern endlose Fahrten durch die Stadt von Tanzschule zu Tanzschule. Nur wenige Mitarbeiter unserer Schule haben ein Auto-können sich ein Auto leisten. Dicke Stiefel schützen die müden Füße im Winter, große warme Daunenmäntel wärmen den Körper für den nächsten Unterricht. Fürs eigene Aufwärmen bleibt kaum Zeit, die Schüler wollen ungeduldig die neuen Schritte lernen.
Der Tanzlehrer ist nicht versichert und muss selbst für seine Rente sorgen. Ist er krank oder verletzt, werden die Stunden nicht bezahlt. Das Privatleben ist stark beeinträchtigt, denn die meisten Kurse werden am Abend, nach der Arbeit besucht. Wenn wir entspannen, geht es im Tanzsaal erst richtig los. Der Vormittag ist manchmal entspannter, jedoch muss der Unterricht vorbereitet, den Teilnehmern individuell angepasst und kreativ, kurzweilig gestaltet werden.

Ein Leben als Tänzer ist hart, kurz und schlecht bezahlt – nur etwas für Besessene

In Berlin soll es schätzungsweise 2 000 Profi-Tänzer geben, von denen wurden auf öffentlich geförderten Bühnen 2015 nur noch 160 beschäftigen. Die anderen überleben mit kurzzeitigen Engagements und jobben dazu als Kellner oder Kleindarsteller
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15659020 ©2016

Der Tänzer mit Anstellung am Theater scheint privilegiert, die Arbeit mit Schülern zunächst weit entfernt. Ein Bericht der Tänzerin Angela Reinhart-hier gekürzt-relativiert diese Erfolgsphase und lässt uns nachdenken.
„Die Illusion ist perfekt. Die Tänzerin täuscht erdenferne Leichtigkeit und Mühelosigkeit vor, wo eigentlich eisenharte Muskelarbeit zu erleben ist. Den Schweiß dieser Knochenarbeit sieht man auf der Bühne nicht, nur täglich im Tanzsaal. Ich tanzte schon im Vorschulalter. Meine Ausbildung begann mit zehn Jahren an einer Staatlichen Ballettschule und nach vielen Jahren und großen Schmerzen durfte ich großen Rollen tanzen. Bald war ich die erste Solistin des Hauses, ich war der Star. Als ich vor einigen Jahren auf dem Höhepunkt meiner Leistungskraft war, schrieb mir der Intendant, dass er mich aus Gründen gesunkener Leistungskraft nicht mehr als erste Solistin beschäftigen kann und meine Gage kürzen werde. Von der nächsten Spielzeit an brauchte dann das Haus überhaupt kein Ballett mehr. Alle Tänzer sind gekündigt. Das Arbeitsverhältnis wurde nach 19 Jahren vor Gericht beendet. Eine Tänzerkarriere ist kurz genug, sie endet mit etwa 40 Jahren. Ich war 35, sie wollte weiter tanzen. Der Musiker hat nicht nur das doppelte Gehalt, er muss mit höchstens sieben Diensten pro Woche (17,5 Stunden) auch deutlich weniger arbeiten als der Tänzer, der auch ohne Auftritt täglich acht Stunden probt und trainiert. Schließlich hat der Musiker Arbeit bis zur Rente, während der Tänzer grundsätzlich nur Jahresverträge bekommt und sich in der Mitte des Lebens einen neuen Beruf suchen muss. Er ist dann oft schon für Statistenrollen dankbar. In der Bundesrepublik ist das Auskommen fest angestellter Musiker geregelt, für Tänzer gelten amerikanische Verhältnisse. Zu deren Selbstverständnis gehört es, nicht über ihr Dasein zu klagen, sondern nach Auftrittsmöglichkeiten zu forschen. Ich wollte mich selbständig machen doch die Anträge auf Fördermittel waren abgelehnt worden. Wir sind in eine kleinere Wohnung gezogen. Mit privaten Tanzprojekten lässt sich schwer Geld verdienen. Ich beziehe zwischen meinen Engagements Arbeitslosengeld, doch währenddessen darf meine Leistung nie nachlassen, der Körper einer Spitzentänzerin verlangt tägliches Training – eine Rolle wie die Julia schafft man nur mit hochdisziplinierter Arbeit. Auch diese ist ein Kostenfaktor, Trainingsstunden können teuer werden, und für Spitzenschuhe muss man 35 Euro oder mehr bezahlen. Bis zu vier Paar verbraucht eine Tänzerin an der Oper in einer Woche. Ich will mich noch nicht festlegen, wie mein Leben nach dem Tanz aussehen soll. Derzeit schreibe ich einen Ratgeber für Tanzschüler und Profis. Doch welchen Rat habe ich? Kann man den Beruf des Balletttänzers – so hart, kurz, entbehrungsreich und unterprivilegiert wie er sich heute darstellt – guten Gewissens einem jungen Menschen empfehlen?

Darauf habe ich eine klare Antwort:
— Es kommt auf den Grad des Fanatismus an. Man kann den Körper modellieren, nicht aber den Ehrgeiz. Mancher lässt sich den Beruf eben unter keinen Umständen ausreden. Gut. Aber wie sieht er aus, der Lohn der Besessenheit?

— Es gibt diese Momente der Verwandlung, da steht man auf der Bühne und hebt ab – aus der Realität in die Figuren, die man darstellt. Am Anfang muss man sich an der Stange festhalten, aber die Technik macht die Seele frei. Und man schwebt.” (aus der Berliner Zeitung)

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Tanzen gegen den Jugendwahn

Die Choreografin Constanza Macras über alternde Tänzer: Sie wendet Sie sich gegen den Jugendwahn im Tanz? „Früher hatten wir nie diesen obsessiven Jugendwahn. Schon bei einem meiner ersten Stücke, „MIR a Love Story“, wirkten Frauen über 60 mit und wir haben mit ihnen bei anderen Projekte weitergearbeitet. Inzwischen arbeite ich schon seit mehr als zehn Jahren mit denselben Leuten – und wir werden alle älter. Doch selbst wenn neue Tänzer ins Ensemble kommen, ist es sehr schön zu sehen, wie die Leute reifer werden, genauso wie die Arbeit tiefer und kompromissloser wird – aber stets sehr physisch bleibt. Für mich ist Tanz eine intelligente Form, die die Gesellschaft im Ganzen widerspiegelt. Gerade habe ich ein Stück für das Teatro Colon in Buenos Aires inszeniert und zwar mit den älteren Tänzern des Balletts – manche von ihnen bereits älter als 60 Jahre.“

Meine lieben Mitarbeiter, großen Tänzer und bescheidenen Pädagogen, ich bin so dankbar Euch zu kennen und mit Euch zu arbeiten. Ich verehre Euer Können, Eure Leidenschaft und die Geduld den Tanz in die Welt zu tragen.