Das rauschhafte Verhalten soll enträtselt werden

Tanzen und Sex- beide benutzen dasselbe Instrument:
den menschlichen Körper

Philip Bethge bringt es in seinem Spiegelartikel auf den Punkt. >>Das rauschhafte Verhalten soll enträtselt werden.<<
Er schreibt:

Psychologische Experimente zeigen, wie Tänzer auf das jeweils andere Geschlecht wirken. Männer scheinen aus den Tanz-Moves von Frauen unbewusst deren Fruchtbarkeit herauslesen zu können. Frauen wiederum finden kräftige Tänzer besonders attraktiv

Interessant…

Wenn man im Rythmove in die Tanzsäle schaut, verwundert uns diese These zunächst, denn der Frauenüberschuss in den Kursen ist gravierend. Wo sind die Männer? Zugegeben, wir sind eine zeitgenössische Tanzschule und unterrichten nur selten Paartanz. Also Tanz als wichtige Funktion der Partnerwahl? Man könnte nun annehmen die Damen sehen den Unterricht vielleicht als Vorbereitung auf das Aufeinandertreffen mit dem anderen Geschlecht. Nach vielen Interviews mit Kursteilnehmern bekommen wir darauf keine eindeutige Bestätigung. Im Gegenteil. „..Ich mache das für mich alleine – das ist meine Auszeit von den gesellschaftlichen Anforderungen – Ich will ganz egoistisch mir, meinem Körper und meiner Seele etwas Gutes tun..“ sind grob zusammengefasst die Antworten.
Tanz sei symbolischer Ausdruck für Romantik, Begehren und Orgasmus – sagen die Anthropologen. Das ist jetzt doch sehr schwierig zu verstehen, wenn wir die kleinen Eleven in Ihren rosa Röckchen beobachten.

Beobachten wir doch einfach mal die verschiedenen Stilrichtungen oder Altersgruppe:
Die Kinder zeigen uns noch am deutlichsten warum uns der Rhythmus in die Glieder fährt. Viele fangen spontan an zu tanzen, noch bevor sie sprechen oder singen können. Die Reaktion der Kleinen und ihre Freude an der Bewegung zur Musik stehen wohl auch den Ergebnissen der Evolutionsforschung zum Thema Tanz am nächsten.
Die Gehirnforschung belegt den Groove in uns Menschen sehr verständlich. Musik wird im Innenohr in elektrische Impulse umgewandelt, sie werden ans Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn wandelt den Beat in der Musik in unbewusste Reaktionen um. Das Kind wippt. Bestimmte Nervensignale gelangen an die Muskulatur und, Orientierung und Raumsinn wird gefördert. Ein Teil des Kleinhirns erhält ständig Rückmeldung und hilft dabei Tanzschritte und Musik zu synchronisieren.
Viele Eltern, die nicht nur Mädchen in unsere Tanzkurse schicken, wissen über die fantastische Förderung des Gehirns beim Tanzen für Mathematik und viele anderen Schulfächer Bescheid.
Doch für jedes Alter gültig ist, dass durch die Körperbewegung und den Musikeindruck im Gehirn Dopamin ausgeschüttet wird, das Glücksgefühle auslöst. Die Kontrollfunktion des Gehirns lässt nach. Auch hier ist wieder die Verbindung von Tanz und Sex sehr deutlich. Glücksgefühle unabhängig von einem Partner. Wir spüren uns im Körper, fordern uns heraus und gleiten in Glücksmomente ohne Abhängigkeit von einem Anderen. Wer hat gesagt, dass Sex immer mit einem Partner zu tun hat. Die Antworten unserer Tänzer „.. Ich mache das für mich alleine – ich tanze nicht für den Partner..“ werden nun etwas klarer.
Nehmen wir nun einen bestimmten Tanzstil unseres Programms zum Thema Sex und Tanz unter die Lupe:
Das temperamentvolle Stampfen der Flamencoschuhe im Unterricht z.B., zeigt eindeutig, dass Tanz emanzipiert. Die Frauen zeigen ohne Ängste ihre Weiblichkeit und ihre Gefühle in erotischen Bewegungen. Doch sie lassen sich nicht auf das dominierte und abhängige Weibchen reduzieren. Wütend stampfen sie mit dem Rhythmus gegen Unterdrückung und Schmerz. Das Cajon und der dramatische Gesang erzählen vom Aufbäumen gegen das Patriachart. Die Flamencotänzerin bleibt mit ihrer Erotik niemals nur Objekt – im Alltag und in ihrem Sexualleben. Nach einem Flamencokurs in unserem Studio sollte man unbedingt einmal die „Me Too“-Sache in den Raum werfen, das wäre sicherlich sehr „temperamentvoll“.

Beobachten wir ein Tango Duo aus Argentinien, fasziniert die knisternde Verführung und die technische Präzision wohl jeden Zuschauer und wir gehen davon aus, dass das Paar innig im Tanz vereint ist. Tanzen verführt Menschen und verbindet sie miteinander. Wer sich der Musik hingibt, kann das Glück des Gleichklangs von Rhythmus und Bewegung erleben, die innige Nähe synchronisierter Körper, die weltvergessene Ekstase im Takt der Musik. Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens, so sagt man. Hier ist der Zusammenhang zwischen Sex und Tanz offensichtlich. Tanz hat aber nicht nur eine wichtige Funktion bei der Partnerwahl, sondern hilft auch, bestehende Beziehungen zu festigen. Deutlich wird das beim jedem Paartanz: sich gemeinsam in einen Rhythmus einzuschwingen schafft innige Nähe, die als Beziehungskitt dienen kann.

Gerade findet ein HipHop Kurs in Saal 2 statt und die Bässe wummern um die Teenies in bunten Shirts und mit cooler Miene. Die Pubertät, das Alter auf der Suche nach Identität und Sexualität. Hip Hop, Break Dance und Graffiti als Auflehnung und Befreiung von bestehenden Normen und bürgerlichem Werten. Der Jugendliche sucht seine Peergroup, will sich sozialisieren. Tanzen wirkt wie sozialer Klebstoff, bestätigen auch Neurowissenschaftler. Sich gemeinsam im Rhythmus zu bewegen fördere was Menschen einzigartig macht: in einer Gruppe gemeinsam zu handeln.
Die Menschen stählten sich von jeher für Krieg und Jagd mit rituellen Tänzen. Sie putschen sich auf diese Weise gegenseitig auf, der Körper bewegt sich wie von selbst, aber im Einklang mit der Gruppe. Der Hormonrausch beim Tanzen macht gelassen und glücklich. Die „oversexten“ Musik- und Tanz-Clips werden relativiert und man findet den ganz eigenen Weg zum Körper, zu Schönheitsidealen und einer gesunden Entwicklung. Depressionen werden durch den Tanz gelindert und der Rhythmus führt Körper, Seele und Geist heilsam zusammen. Ein wunderbarer Weg zur eigenen Sexualität im Erwachsenwerden zu finden.

Jeder Tanzbegeisterte wird nun seine individuellen Gedanken zu diesen Themen haben. Oder noch besser, er denkt nicht darüber nach, wenn ihn der Rhythmus packt, warum er sich bewegt, und wie er sich bewegt. Die Musik bewegt unser Herz und unseren Körper, ohne über Sex nachzudenken. Wie wunderbar, nicht so viel über Sex nachdenken! Es tun!
Genau so ergreift uns der Beat im Tanzsaal oder im Club. Er reißt uns mit und wir lösen uns von jeglicher Kontrolle. Mag schon sein, dass der potenzielle Partner in diesen Momenten einen unwiederbringlichen Eindruck in unsere Seele bekommt. Ungefiltert gibst du dich hin und dein Körper erzählt von dir. In jeder Gruppe, in jedem Bekanntenkreis kennst du die Menschen, die Angst vor diesem Outing haben. “..Nein, ich tanze nicht gerne..„, oder schlimmer noch: „..ich kann nicht tanzen..“. Vollkommen altersunabhängig ist das eine Absage an ein natürliches und gesundes Bewegen und Erleben von Musik. Schon die Urvölker haben sich nicht geniert und überlebten manchen Krieg durch das Tanzritual. Feste, egal wie weit man in der Geschichte zurückgeht, ohne Tanz, undenkbar. Niemals ist aber in den geschichtlichen Erzählungen zu lesen, dass die Menschen dabei Angst haben ihr Gesicht zu verlieren und Ihre Sexualität zu zeigen. In unserer allzu zivilisierten Gesellschaft scheuen wir uns nun zunehmend uns gehen zu lassen. Die Schwellenangst beim Eintritt in den Tanzsaal ist vielen ins Gesicht geschrieben. Welch geniale Idee von einigen Clubbesitzern nun Handyfotos beim Feiern zu verbieten. Wer will sein „sexual Feeling“ zum mitreißenden Sound schon am nächsten Tag auf Facebook sehen.

Unsere Aufgabe in den Tanzschulen ist es, mit hoher Sensibilität und dem nötigen Temperament, dem Tänzer die Möglichkeit der Befreiung durch den Groove nahezubringen. Nicht nur die Technik ist zu erlernen. Ein guter Tanztrainer lässt dich deinen Körper spüren, holt deine Sorgen, Ängste, Freude und Sexualität aus deinen Armen, Händen, Beinen…bis zur Zehenspitze.
Die Kinder, ohne Scheu und Ressentiments zeigen uns wie das geht. Stell dir vor, es spielt jemand zarte Harfenmusik für dich und sagt dir, du bist ein Schmetterling. Wäre doch mal ein nettes Partyexperiment. Für unsere kleinen rosa Tanzmäuse kein Problem. Die Arme werden lang und geschmeidig und bewegen sich zart und zerbrechlich durch die Luft. Die Füßchen gehen automatisch auf die Zehenspitzen, denn man hört den Schmetterling wohl selten trampeln. Die Anweisung des Pädagogen wird schier überflüssig. Das Kind spürt den Frühling.
Die Scham beim Erwachsenen ist manchmal gerechtfertigt. Er könnte über sein Gewicht nachdenken – Schmetterlinge sind ja sehr zarte Wesen. Er findet diese befreiende Flügelbewegung albern – ja klar, macht sich im Meeting im Büro auch nicht so gut. Der erwachsene Mensch hat es gelernt sich zu kontrollieren. Er wird sich vor dem Chef nicht mal auf seine Arme aufstützen. Gibst du ihm nun den Freiraum, weiß er ihn nicht mehr zu nützen. Genau dafür sind unsere Tanzpädagogen da. Finde die entsprechende Musik, die dich berührt und lass dich mitziehen. Deshalb kein Sex ohne Vorspiel. Viele Therapeuten verdienen eine Menge Geld, weil der Mensch sich nicht mehr mitziehen lässt. Sich fallen lassen, das höchste Gut in unserer Leistungsgesellschaft. Der Partner im Einklang – er spielt deine „Lieblingsmusik“ und Stück für Stück kommt der Rausch und ganz wichtig: die Entspannung.
Tanzen und Sex, Ja, die roten Backen danach – als Mediziner hätte man da auch eine Menge dazu zu sagen. Den gesundheitlichen Aspekt, abgesehen von der psychischen Befreiung, das würde den Rahmen hier deutlich sprengen.

Wollt ihr mehr Beweise, dann beobachtet doch mal bei unserer nächsten Show die Kostümauswahl der Tänzer!
Immer wieder erstaunlich, dass sich die reiferen Damen in hautenge sexy Kleidchen zwängen und die Teenies sich mit Größe 32 unter großen Hemden und weiten Hosen verhüllen.

Wir danken Philip Bethge für dieses Thema und lassen uns gerne auf weitere Überlegungen ein.

Rythmove-Move your Body!